Sind Freundinnen die neuen Mr. Big?

So einig sind wir uns ... wenn's drauf an kommt. // Foto: Blend Images - Jose Luis Pelaez Inc / Getty Images

So einig sind wir uns … wenn’s drauf an kommt. // Foto: Blend Images – Jose Luis Pelaez Inc / Getty Images

Seit fast zehn Jahren lebe ich offen polyamourös, ich teile mein Leben mit vier weiteren Menschen. Das funktioniert gut, wir alle wissen, was wir aneinander haben, jeder erfüllt in unserer kleinen Gemeinschaft seine Funktion, angepasst an individuelle Stärken. Wer es kitschig mag, kann sich uns als fünf Finger einer Hand vorstellen. Fehlt ein Finger, kann man die Hand immer noch schütteln, aber der Händedruck fühlt sich nicht mehr perfekt an. Das einzige, was wir nicht miteinander teilen, ist Sex. Die Rede ist von meinen besten Freundinnen.

Wir haben uns alle irgendwie im Studium kennengelernt und demzufolge schon ein paar Lebensphasen miteinander erlebt: Studentenpartys, Abschlussarbeitsphasen, Jobsuchen, Jobverlust, Krankheiten, euphorische Urlaube … und natürlich Männer. Große Lieben, kleine Lieben, Höhenflug-Lieben, Talfahrten-Lieben, alles war dabei. Die einzige Konstante: die schonungslose Ehrlichkeit der anderen vier – und ihre bedingungslose Liebe. Wir sind beileibe nicht mit allem einverstanden, was die anderen tun und manchmal sind wir uns so fern, wie es Fingerkuppe und Handgelenk nur sein können, aber DA sind wir immer.

Dabei hätte es genug Gelegenheiten gegeben, uns zu trennen: Zwei von uns sind mittlerweile verheiratet, drei Single. Ein Finger ist nach Amerika ausgewandert, ein Finger lebte zwischenzeitlich in England. Wir arbeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern, setzen unterschiedliche Prioritäten. Trotzdem haben wir immer wieder zueinander gefunden, Krisen gemeistert, Streit beigelegt, Fehler akzeptiert.

Die Liebe zu den Freundinnen boomt

Warum investieren wir heute so viel Energie in Freundschaften, trennen uns in Liebesbeziehungen aber weitaus schneller als früher? Möglicherweise muss man die Sache andersherum angehen: Vielleicht sind uns Freundschaften heutzutage so wichtig, weil Liebesbeziehungen schneller enden. Wir brauchen keine Beziehung, um ein gutes Leben zu führen. Es schön, wenn wir einen Partner haben, mit dem wir unser Leben teilen können, aber das Leben ist nicht weniger gut, wenn wir es als Single führen. Es ist anders, aber sicher nicht schlechter. In unserem Alter kommt natürlich die B-Frage auf, aber ist es meine Meinung oder die der Gesellschaft, dass mein Leben nur dann erfüllt und glücklich ist, wenn ich ein Kind zur Welt gebracht habe? Ich wohne seit einigen Monaten neben einem Spielplatz und bin mir inzwischen unsicherer denn je.

Bin ich überhaupt Single?

Was mich irritiert, ist der Satz: „Wenn du erst den Richtigen kennenlernst, dann weißt du, was du die ganze Zeit vermisst hast.“ Was sollte ich vermissen? Ich kann mit meinen besten Freundinnen lachen, weinen, schweigen, reden (viiiiiel reden), streiten, schreien, kochen beziehungsweise mich bekochen lassen und und und.

Ich bin vielleicht Single, aber vielleicht auch nicht. Ich muss mich genauso gut an- und abmelden, wenn ich Hamburg verlasse. Ich darf nicht alleine in die Augenklinik, um mir die Augen lasern zu lassen und wehe, ich will meinen Geburtstag alleine verbringen. Meine Ein-Frau-Netflix-Bingewatching-Geburtstagssause endete mit einem Aperol-lastigen Ausflug zum Strand, Widerstand zwecklos. Ich fühle mich ganz sicher nicht alleine und habe auch nicht das Gefühl, dass ich mein Leben mit niemandem teile. 

All dies heißt nicht, dass meine Freundinnen und ich ausschließen, unsere Leben jemals mit einem Mann zu teilen, aber ich für meinen Teil mag es nicht, gesagt zu bekommen, dass die Beziehung zu einem Mann die wichtigste in meinem Leben ist. Denn ich bin mir sicher, dass ich vier ganz große Lieben meines Lebens vor fast zehn Jahren gefunden habe.